Nachdenken über Nachhaltigkeit

Nachdenken über Nachhaltigkeit

In einer ziemlich heißen Debatte mit Freunden ging es neulich um Nachhaltigkeit und darum, wie stark das Verhalten des Einzelnen die Masse beeinflusst. Ob wir als einzelne Individuen, die Welt überhaupt verändern können. Und ob unsere bisher eingesetzten Denkmuster Veränderungen, in der technisch so komplex geworden globalen Welt, überhaupt möglich machen. Die Meinungen gingen recht weit auseinander.

Die einen sagten wir sollten es uns aus dem Kopf schlagen, dass es am Einzelnen läge, die Welt zu verändern. Das sei nur ein guter Werbeschachzug von Wirtschaft und Politik. Sie wollen sich so aus der Verantwortung stehlen. Die anderen hielten dagegen, dass gesellschaftlicher Wandel immer mit dem Handeln Einzelner begann. Sie verwiesen auf Martin Luther, der mit seinen Thesen die Reformation einleitet oder auf Martin Luther King, dem Kämpfer gegen Unterdrückung und sozialer Ungerechtigkeit in den USA.

Es gibt kein Rezept und kann nicht erzwungen werden

Ich denke es gibt kein eindeutiges Rezept wie man Menschen mobilisieren kann. Aber ich sehe den unbedingten Willen zur Veränderung als Voraussetzung an, dass überhaupt etwas geschieht. Das setzt Informationen und Wissen über die Zusammenhänge von Gesellschaft, Politik und Umwelt, aber auch über sich selbst voraus. Erst dann kann soziales Engagement, politisches Handeln oder gar Protest entstehen. Mit Zwang ist nichts zu machen. Ich verliere nicht die Zuversicht, dass es möglich ist.

Die Diskussion führte uns zu unserem Angebot von wohindamit.de. Die Datenbank, die bei der Mülltrennung hilft und unterstützt. Eine Freundin fragte: „Meinst du wirklich, dass ihr dazu beitragt, das die Leute ihren Müll richtig entsorgen, ihr Konsumverhalten nachhaltig ändern und über ihre Abfallproduktion nachdenken?“ „Natürlich“, antwortet ich prompt, „sonst würden wir doch all den Aufwand nicht betreiben.“ Wir haben uns viele Gedanken darüber gemacht bevor wir online gingen. Auch wenn ich sehe wie die eigentliche Bedeutung von Nachhaltigkeit langsam verloren geht. Inzwischen wird Nachhaltigkeit so gebraucht, dass sich irgendwie alle darin wiederfinden können. Gerade deshalb möchte ich noch einmal ein paar Gedankenanstöße geben. In keinster Weise erhebe ich damit den Anspruch vollständig über die Begrifflichkeit und ihren Inhalt zu informieren.

In die Nachhaltigkeit hineinleben

„Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“ (Rilke)

Nachhaltigkeit. Es hallt nach, wie ein Echo aus der Zeit meiner Großmutter bleibt etwas bestehen, das auch sie schon für wertvoll hielt. Ich trage es dahin für meine Kinder und Kindeskinder. Sie geben diesen unbeschreiblichen Schatz weiter, der nicht aufhört zu sein, weil er den Hall von Mut, Begeisterung, Solidarität, Freude, Gerechtigkeit und Frieden singt. Kitschig und total naiv?

Und wenn schon? Das ist es, was ich spüre, wenn ich genau hinhöre. Auch wenn das Wort vielleicht etwas sperrig, tausendfach benutzt und ausgelatscht, wie ein alter Schuh daher kommt. Nachhaltigkeit hat für mich gleichzeitig mit „Jetzt und Danach“ zu tun. Dem Nachhalten und Andauern, ein kleines Stück Ewigkeit. Sich kümmern, behüten, beschützen, dafür zu sorgen, dass nichts ungutes geschieht. Dies sind die Bilder und Worte, die ich finde. Nichts wissenschaftlich erforschtes oder aus der Forstwirtschaft stammendes:“Schlage nur so viel Holz ein, wie der Wald verkraften kann! So viel Holz, wie nachwachsen kann!“ Obwohl dies ein Ursprung des unhandlichen Wortes ist. Hans-Karl von Carlowitz, ein sächsischer Berghauptmann, schrieb dies in seinem 1713 erschienen Buch über die Ökonomie der Waldkultur, die „Silvicultura oeconomica“. Wobei bei Ulrich Grober nachzulesen ist, dass die Idee des Begriffs Nachhaltigkeit noch weiter zurück reicht. Schon im „Sonnengesang“ des Franziskus von Assisi, wie bei den griechischen Philosophen und den Philosophen der Aufklärung ist er zu finden.

Das Echo der Nachhaltigkeit

Es gibt kein Markenschutz oder Urheberrecht für Nachhaltigkeit. Wenn ich über nachhaltige Entwicklungen spreche, denke ich an das Echo. Unser Handeln sollte heutigen und zukünftigen Generationen ein menschenwürdiges Leben in einer sozial, ökologisch wie ökonomisch gerechten und gesunden Umwelt möglich machen. Egal wo auf der Welt wir leben, völlig unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, Glauben oder Religion, politischer Überzeugung oder sozialer Herkunft. Für mich ist Nachhaltigkeit untrennbar mit den Begriffen Nächstenliebe und Wertschätzung verbunden. Deshalb sehe ich die große Gefahr der Scheinheiligkeit. Es reicht nicht aus allein das Bewusstsein für Nachhaltigkeit zu wecken, um es auch auf der materiellen Ebene umzusetzen. Man redet es schön, zum „Modewort“ geworden und in vielen Kontexten irreführend gebraucht, wird alles gut!? Denn oft erwecken Unternehmen mit Ihrer Werbung den Anschein, sich ernsthaft für Nachhaltigkeit einzusetzen, doch das ist nur schein, um besser dinge zu verkaufen, die eigentlich niemand braucht. Und wir als Konsumenten erkaufen uns so ein gutes Gewissen.

Wenn in China ein Sack Reis umfällt

Alles ist miteinander verknüpft. Wir sind ein kleiner Teil einer verletzlichen Welt, in der alle Teile sowohl untereinander als auch mit dem Ganzen in Beziehung stehen. Jede Veränderung, wie sie durch verschiedene Eingriffe von uns Menschen entsteht, hat Auswirkungen auf all die anderen Teile als Ganzes dieser Welt. Lokales Handeln, egal auf welchem Fleck des Planeten jemand lebt, ist nicht losgelöst von globalen Zusammenhängen. Es hat eben doch einen Einfluss „wenn in China ein Sack Reis umfällt“ und wir in Nordeuropa Billigprodukte aus eben diesen asiatischen Regionen in Massen kaufen und wieder wegwerfen.

Auch wenn wir für unser Verhalten als Konsumenten die Verantwortung tragen, beschleicht mich dennoch immer wieder das ungute Gefühl, dass die zentrale Verantwortung für nachhaltiges Verhalten allein den Einzelnen zugeschrieben wird. Ich fühle mich ertappt bei den vielen Tipps zum nachhaltigen Konsum, obwohl ich ein wirklich genügsames Menschenkind bin. Welchen Unterschied macht mein „nachhaltiger Konsum“ im ökologischen, sozialen und ökonomischen Sinn? Fördert er Gerechtigkeit, biologischen Anbau und faire Bezahlung? Oder ist das alles eher gut gemachte Werbung und Augenwischerei? Weil ich mich blenden lasse und dabei das Gefühl habe mit gutem Gewissen einzukaufen?

Nachhaltigkeit und Konsum geht das zusammen?

Denn je mehr ich über die Zusammenhänge nachdenke, stellt sich mir die Frage ob Konsum und Nachhaltigkeit überhaupt zusammen gehen können. Besonders die sogenannte Green Economy malt ein buntes Bild, dass Konsum gut für die nachhaltige Entwicklung sei. Es fördere „ökologischen Wachstum“ und unterstütze die Natur ebenso wie die schlecht bezahlten Arbeitskräfte in Asien und Afrika. Aber ist es nicht so, dass jedes Wachstum und jeder Gewinn auch Energie, Rohstoffe und billige Arbeitskraft benötigt? Ist die Ausbeutung der Natur nicht Grundlage des momentanen ökonomischen Systems und Armut ihre stille Reserve?

Reicht dann mein freiwilliger Verzicht aus, um die Veränderung herbei zu führen, die es für ein nachhaltiges Leben bedarf? Wobei ich wieder bei der Ausgangsfrage angelangt bin: Wie stark beeinflusst das Verhalten des Einzelnen die Gesellschaft? Ich denke er kann ein Teil der Bewusstwerdung sein. Zumindest in der westlichen Welt, die uns privilegiert zu verzichten, ohne existentiell zu leiden. Denn dem Verzicht könnte ein glückliches Leben gegenüber stehen, in dem wir gar nicht so viel konsumieren müssen. Und das trägt dazu bei die Idee der Nachhaltigkeit langfristig in der Gesellschaft zu verankern.

Allerdings ist es allein mit dieser Bewusstwerdung nicht getan. Ich denke es bedarf einer strukturellen Veränderung. Und die ist nicht umsonst zu haben, weil sie alles Jetzige in Frage stellt. Doch dafür müssen wir eintreten, alles andere ist Selbsttäuschung und Symptombekämpfung. Diese tiefgreifende Veränderung braucht Offenheit im Denken, Kritikfähigkeit, Entschlossenheit, Fantasie und eine riesige Portion Zuversicht. Ich werde nicht aufgeben, denn es bewegt sich durchaus etwas und es gibt Menschen, die etwas tun.

 „Wir haben die Welt nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Kindern geliehen.“ (indianische Weisheit)

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